Das Buch
Informationen
Erstellt von: Rebex am 6. Juni 2009, 09:04 Uhr.
Bearbeiten darf: Jeder Pro-Benutzer.
Wie lernen? Einmal lesen.
Wird zur Zeit gelernt von: Rebex, rezan88, Bestatter, arosenberg, Demian.
Bewertung: 
Autor: Erich Fromm
Herausgeber: Rainer Funk, Brigitte Stein
ISBN: 342334234X
Erschienen: 2005-07-01
Ausgabe: Taschenbuch
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
Seiten: 272
Preis: Ab EUR 7,90 bei Amazon (am 6. Juni 2009, 09:03 Uhr)
Rezensionen
Neue Lebenseinstellung lindert Konsumrausch
Lesen
Zu Beginn meines Berufslebens verfiel ich in einen kurzfristigen Konsumrausch: mein Leben bestand vorwiegend aus neuen Hemden, Hosen und Möbeln. Da kam mir das Buch von Erich Fromm erneut in die Finger. Als Jugendlicher hatte ich es schon einmal gelesen und wähnte mich damals als moralischer Sieger (schließlich besaß ich ja nichts).
In meiner neuen Lebenssituation fühlte ich mich allerdings ertappt und begann, das Buch erneut zu lesen. Man kann es mit folgendem Satz zusammenfassen:
"Was ist der Mensch, wenn er das ist, was er hat, und dann alles verliert?"
Seither habe ich ein völlig unverkrampftes Konsumverhalten, gehe dreimal im Jahr einkaufen und bin auf dem besten Wege, Medienforscher, Werbung und Trends zu ignorieren.
Darüber hinaus mache ich mir ein schönes Leben und versuche "spontan kreativ tätig" zu sein.
Ach ja, das ist nun 15 Jahre her. Wer weiß, vielleicht türmen sich bei mir schon wieder ein paar unbewusste materielle Wünsche, mit denen es aufzuräumen gilt: es wäre also an der Zeit, das Buch ein drittes Mal zu lesen.
"Was man gibt, verliert man nicht, sondern im Gegenteil, man verliert, was man festhält"
Lesen
,Haben oder Sein' zählt zu den großen Publikumserfolgen von Erich Fromm. Fragen wir uns, welchem Umstand das Buch den großen Zuspruch verdankt, stoßen wir auf zwei Aspekte. Fromm lässt in dieses Buch seine fünfzig jährige Erfahrung der analytischen Soziologie und Charaktertheorie einfließen. Was mit seinen Studien am Institut für Sozialforschung in Frankfurt begann, dann in Werken wie ,Die Furcht vor der Freiheit', ,Psychoanalyse und Ethik' und ,Die Seele des Menschen' reifte, fand in ,Haben und Sein' den krönenden Abschluss.
Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung hätte nicht besser gewählt werden können. Als das Werk 1976 erschien, traf es den Geist einer jungen, rebellierenden Generation: "...diese jungen Menschen wagen es zu sein und fragen nicht, was sie für ihren Einsatz bekommen oder was ihnen bleibt". Bereits in den 60er Jahren hatten sich in den U.S.A. der Protest gegen Rassentrennung sowie der Kampf gegen Autorität und Krieg geformt. In Deutschland demonstrierte in den 70er Jahren die Friedensbewegung gegen das Wettrüsten und gegen Atommailer. Eine Rückbesinnung auf die humanen Werte des Lebens und gegen das Konsumstreben setzte ein. Die Sozialdemokratie feierte ihre größten politische Erfolge.
Gleich in der Einleitung schreibt Erich Fromm, dass das Industriezeitalter die Prophezeiung eines goldenen Zeitalters mit unbegrenztem Fortschritt und uneingeschränktem Glück nicht halten konnte. Allmächtig, allwissend wollte der Mensch sein: "Wir waren im Begriff Götter zu werden, mächtige Wesen, die eine zweite Welt erschaffen konnten, wobei uns die Natur nur die Bausteine für unsere neue Schöpfung zu liefern brauchte." Doch der Traum zerplatzte.
Welches sind die Gründe für das Scheitern des alten Menschheitstraumes?
Der Industrialismus basiert auf zwei Prämissen, dem radikalen Hedonismus und dem Egoismus. Doch Habgier und Friede schließen einander aus und die Ressourcen diese Erde sind nun einmal begrenzt. Fromm fordert deshalb eine radikale Abkehr sowohl vom kapitalistischen als auch kommunistischen Wertesystem mit dem Ziel, neue Gesellschaftsmodelle zu suchen.
Das Bild, das Fromm vom neuen Menschen und der neuen Gesellschaft entwirft, basiert auf dem Verständnis des grundlegenden Unterschieds zwischen der Denkweise des Seins und der des Habens. Haben und Sein unterscheiden nicht nur individuelle Charaktere, sondern bestimmen auch die "verschiedenen Typen des Gesellschafts-Charakters".
Aspekte des Habens
Wenn Menschen bzw. Gesellschaften vom Haben geprägt sind, stehen Dinge, also das Materielle im Mittelpunkt. "Haben bezieht sich auf Dinge, und Dinge sind konkret und beschreibbar ... Ich bin, was ich habe und was ich konsumiere", schreibt Fromm und erläutert: "Konsumieren ist eine Form des Habens, vielleicht die wichtigste in den heutigen ,Überflussgesellschaften'".
Kennzeichen ist das Privateigentum. Besitz und Raffgier, notfalls auch mit Gewalt (privat stammt vom lateinischen privare = berauben ab) sind Ausdruck einer auf Rivalität, Kampf und Furcht errichteten Gesellschaftsstruktur. Da Zeit so kostbar wie Geld ist, spricht vom man vom ,rauben der Zeit'.
Geld und Vermögen führen andererseits zu Angst vor dem drohenden Verlust. Der Haben-gepägte Mensch sucht Sicherheit. Das Bewährte verspricht diese, denn alles Neue, Unbekannte, jede Änderung wirkt bedrohend. "Jeder neue Schritt birgt die Gefahr des Scheiterns, und das ist einer der Gründe, weshalb der Mensch die Freiheit fürchtet".
Das Haben und immer-mehr-Haben-wollen ergreift auch das Wissen. Haben-Menschen versuchen das Gelernte festzuhalten, sie bevorzugen maschinelle, Computer-gestützter Hilfe, anstatt ihrem Gedächtnis zu vertrauen.
Aspekte des Seins
Fromm berichtet, dass die "großen Meister des Lebens", zu denen er Jesus, Buddha und Meister Eckhart zählt, lehrten, dass "nicht nach Besitz streben dürfe, wer die höchste Stufe der menschlichen Entwicklung erreichen wolle ... Sein bezieht sich auf Erlebnisse, und diese sind im Prinzip nicht beschreibbar".
Für den Sein-orientierten Menschen oder die Sein-orientierte Gemeinschaft steht der Mensch im Mittelpunkt. Fromm erläutert dies an einem alltäglichen Beispiel aus seiner Psychoanalytiker Praxis: "Wenn ich sage: ,Ich habe ein Problem' anstelle von ,Ich bin besorgt', dann wird die subjektive Erfahrung ausgeschlossen".
Opferbereitschaft und persönliche Anteilnahme zeichnet die Menschen der Sein-Welt aus: "Was man gibt, verliert man nicht". Ihr Glaube ist nicht berechnend, sondern entspringt einer inneren Überzeugung. Ihr Wissensdrang strebt nicht nach mehr Wissen, für sie zählt die Tiefe des Wissens. Ihr Wissen ist auch kein Gelehrten- und Stubenwissen, sondern ein aktives, produktives Arbeiten und Erarbeiten von neuen Denkwegen.
Menschen, die der Sphäre des Seins anhaften, sind fähig echte Freude zu empfinden, sie lassen sich nicht von kurzzeitigen Vergnügungen oder dem Nervenkitzel beeindrucken. Während der Haben-Mensch alle Änderung als riskant und Angst erregend ablehnt, ergreift der Sein-Mensch die Chance, Dinge zu gestalten, und nimmt die Gefahr des Scheiterns in Kauf.
Zur Sein Welt zählt der christliche Märtyrer, zur Haben Welt der antike Held und Eroberer.
Seinem Lehrmeister Freud, der den analen Charakter als pathologisch bezeichnet, stimmt Fromm zu: "Mit anderen Worten, für Freud ist der ausschließlich mit Haben und Besitz beschäftigte Mensch psychisch krank und neurotisch; daraus folgt, dass eine Gesellschaft, in der die anale Charakterstruktur überwiegt, krank zu nennen ist".
Wodurch zeichnen sich der neue Mensch und die neue Gesellschaft aus?
Der neue Mensch muss bereit sein, "alle Formen des Habens aufzugeben", ermahnt Fromm. An dessen Stelle müssen der Glaube an sich, die Freude am geben und teilen, die Kooperation mit der Natur, die Reduktion von Hass und Gewalt, sowie nicht zuletzt die "Liebe und Ehrfurcht vor dem Leben" treten. Fromm vermerkt, dass man sich täuschen lassen kann und auch von anderen getäuscht werden kann: "man kann unschuldig, aber man soll nicht naiv sein".
Die neue Gesellschaft muss die Ziele eines unbegrenzten Wachstums aufgeben. Als Schritte auf dem Weg zu einer solchen Gesellschaft nennt Fromm die Dezentralisierung und Entbürokratisierung von Wirtschaft und Politik, die atomare Abrüstung, die Abschaffung der Massensuggestion durch die Medien, die Stärkung der Frauenrechte, ein garantiertes Mindesteinkommen und die Überbrückung der Kluft zwischen arm und reich, den Konsum gesunder Nahrungsmittel, wenn nötig auch durch Verbraucherstreiks erzwungen, aber auch einen Konsum in vernünftigen Grenzen.
Fazit: Auch wenn es noch ein weiter Weg ist, hin zu jener neuen Gesellschaft, die Fromm vorschwebte, so ermutigen die Worte von Visionären wie Präsident Obama, der eine Abschaffung aller Atomwaffen fordert, die Menschheit und bestärken die Hoffnung an eine humane, menschenwürdige Zukunft.
Die in unserer Gesellschaft vorherrschende Haben-Orientierung und die anzustrebende Sein-Orientierung
Lesen
Der berühmte Soziopsychologe Erich Fromm zeigt, daß es zwei verschiedene persönliche Lebenskonzepte gibt: Haben oder Sein. Er analysiert ihre Hintergründe, wie auch ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Eines seiner populärsten Bücher, ist es auch eine Tiefenanalyse des momentanen Zustands unserer Welt und zeigt, welche positiven Veränderungen (individueller wie auch gesellschaftlicher Natur) möglich wären - und wie man sie erreichen kann.
Lebensbuch
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Ich habe das Buch mit 17 zum ersten Mal gelesen.
Das ist jetzt 30 Jahre her und als ich es vor kurzem noch einmal las, wurde mir klar, wie stark die damalige Lektüre eigentlich mein ganzes weiteres Leben beeinflusst hat.
Was kann man Besseres über ein Buch sagen?
(Leider) Immer noch hochaktuell - aktueller als je.
Lesen
Bereits vor über 30 Jahren befasste sich Erich Fromm mit den grundlegenden Problemen unserer Gesellschaft, der individuellen Verantwortung und dem Abdriften in die kollektive Katastrophe.
Fromm bezieht sich hier mehrfach auf den Club of Rome, der bereits Anfang der 70er Jahre vor der ökologischen und ökonomischen Katastrophe gewarnt hatte.
Fromm kritisiert die in den (nicht mehr nur) westlichen Industrienationen vorherrschende Existenzweise, als Existenz des "Habens".
Der am "Haben" orientierte Mensch lebt - mit einem Drogenabhängigen vergleichbar - nach der Erfüllung seiner Bedürfnisse über kurzfristigen Konsum. Dabei bleiben grundlegende menschliche Bedürfnisse, wie Kommunikation, Liebe, Geselligkeit, kulturelle und kreative Schaffenskraft und das Leben in Verantwortung zur Umwelt jedoch zunehmend unerfüllt, oder werden zur Ware verformt, verlieren dabei aber ihren befreienden Charakter. Die Lebensweise des Habens macht die Erfüllung grundlegender menschlicher Bedürfnisse zunehmend unmöglich.
Als Kompensation strebt der an der Existenzweise des Habens orientierte Mensch nach noch mehr Konsum und Besitz und versucht diesen zu konservieren, wobei er sich an toter Materie orientiert und sich selbst zunehmend als unter dem Diktat der Funktion stehende Maschine im Produktions- und Konsumptionsprozess begreift (Die kybernetische Religion).
Durch die fortlaufende Zerstörung der Natur, den Kampf um Ressourcen und die militante Verteidigung des eigenen materiellen Status führt die Existenzweise des "Habens", die Menschheit in die Katastrophe.
Fromm stellt dem "Haben" das "Sein" gegenüber, das Ausleben der eigenen Persönlichkeit und Fähigkeiten in Verantwortung für die Natur und seine Mitmenschen. Die Existenzweise des Seins beinhaltet die Reflexion über die Natur und den Menschen, ohne sie beherrschen zu wollen.
Fromms Dualismus ist nicht strikt, so gibt er zu, dass ein Mindestmaß an "Haben" notwendig ist, um das eigene Überleben zu sichern, deswegen ist sein Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) nur folgerichtig. Es soll den Menschen von der Unterwerfung unter die Existenzweise des "Habens" befreien und entfremdende Arbeit auf ein Minimum reduzieren, damit der Mensch sich dem "Sein" zuwenden kann und seine Fähigkeiten, Talente und Gedanken voll entfalten kann.
Im letzten Teil des Buches beschreibt Fromm, außer dem BGE noch weitere Maßnahmen, um die Menschheit auf einen anderen Kurs zu lenken, die teilweise an die alte Idee eine Herrschaft der weisen Männer (und Frauen) anlehnen (wenn auch demokratisch legitimiert) und aus einer individualistisch libertären Perspektive eher skeptisch zu betrachten sind.
Schließlich legt er auch in den ersten Teilen des Buches dar, was jede/r Einzelne tun kann, damit sich aus den individuellen Veränderungen des Verhaltens und des Charakters, in der Summe eine andere Gesellschaft ergibt.

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